Der Mann für alles beim ASV Schorndorf
Wie Sedat Sevsay den ASV Schorndorf an die Spitze geführt und zum Deutschen Mannschaftsmeister 2024/2025 gemacht hat.
Wenn am Ende eines langen Kampfabends die Halle langsam leer wird, dann bleibt einer fast immer bis zuletzt. Sedat Sevsay steigt dann nochmal auf den Aufsitzputzwagen, dreht eine kurze Runde über den Hallenboden und schaut zufrieden auf das, was hinter ihm liegt: Ein weiterer Abend, den der ASV Schorndorf nur dank vieler Helfer – und dank ihm – stemmen konnte. Und ein Moment der Ruhe zwischen all den Aufgaben für den amtierenden deutschen Ringer-Meister, die ihn seit Jahren tragen – oder eher antreiben.
Ringer-Familie: Sedat Sevsay wurde der Sport in die Wiege gelegt
Vorstand, Trainer, Organisator, Fahrer, Netzwerker, Motivator: Beim ASV Schorndorf ist der 52-Jährige längst mehr als nur ein Funktionär. Er ist das Gesicht eines Vereins, der sich vom regionalen Traditionsklub zu einem der professionellsten Standorte im deutschen Ringen entwickelt hat. Dabei beginnt Sevsays Geschichte wie die vieler Talente in dieser Sportart: In einer Großfamilie in Göppingen, in der Ringen selbstverständlich zum Alltag gehört. Der Vater war in der Türkei Nationalmannschaftsringer, die vier älteren Brüder standen ebenfalls auf der Matte.
„Für mich blieb gar nichts anderes übrig als auch zu ringen“, sagt Sevsay schmunzelnd.
Heimlich ging er als Sechsjähriger zu seinem ersten Turnier, gewann Gold und kam mit einer Medaille um den Hals zur Mutter nach Hause, die eigentlich wollte, dass ihr Jüngster „etwas Gescheites“ mache. Sedat Sevsay ringt sich durch die Jugend, gewinnt zahlreiche württembergische Meistertitel, misst sich mit den Besten seiner Altersklasse und schafft es bis in die Bundesliga.
Wie Sedat Sevsay beim ASV Schorndorf zum Mann für alles wurde
Doch weil er bis zu seinem 20. Lebensjahr ausschließlich die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, bleiben ihm deutsche Meisterschaften und internationale Perspektiven lange verwehrt. Als er als junger Erwachsener endlich starten darf, ist der Aufwand groß: Vollzeitjob, tägliche Pendelstrecken zum Stützpunkttraining und Liga-Wettkämpfe – ein Leben zwischen Matte und Arbeit, das irgendwann nicht mehr zusammenpasste. 2007 beendet er seine aktive Karriere. Doch vom Ringen löst er sich nicht. Über seinen Stiefsohn und jetzigen ASV-Sieggaranten Jello Krahmer findet er noch enger zum Sport zurück. Er übernimmt zuerst die Verantwortung für den Spitzenathleten, und später für einen ganzen Verein.
Der ASV Schorndorf steht 2012 am Abgrund. Die damalige Vorstandschaft tritt geschlossen zurück und die erste Mannschaft soll abgemeldet werden. „Für mich war das ein Schock“, erinnert sich Sevsay. Er entscheidet sich, zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen – zunächst in der zweiten Reihe, und ab 2017 als Vorstand. Der hauptberufliche Produktmanager arbeitet sich in Strukturen ein und übernimmt Aufgaben, für die sich niemand findet: Ob Training, Fahrdienst, Sponsorengespräche, Marketing, Logistik oder Hallenaufbau – Sedat Sevsay wird für den ASV zum Mann für alles. Und er beginnt zu träumen: Mit der „Agenda 2020“ entwickelt der Göppinger eine handfeste Strategie. Ziel dabei:
„Wir wollten in die Bundesliga aufsteigen, uns dort langfristig an der Spitze etablieren, Weltklasse-Athleten ausbilden und irgendwann deutscher Meister werden“.
Eine Vision, die damals viele belächelten.
Sedat Sevsay hat den ASV Schritt für Schritt professionalisiert
Doch die Vision hält. Schon 2018 steigt der ASV in die Regionalliga auf und 2019 kehrt der Ringerverein in die 1. Bundesliga zurück. 2021 stehen seine „Spartaner“ erstmals nach dem Wiederaufstieg im Playoff-Halbfinale, 2023 schaffen sie es sogar bis ins Finale. Rundherum professionalisiert sich der Verein unter Sedat Sevsays Führung weiter. Ob eine langfristige Zusammenarbeit mit lokalen Sponsoren, etliche Fitnessstudio-Kooperationen, professionelle Medienarbeit sowie der Aufbau einer medizinischen Abteilung mit eigenen Ärzten und Physiotherapeuten – all das trägt Sevsays Handschrift. Er ist Manager, Ansprechpartner, Mädchen für alles.
In der Saison 2024/2025 folgt dann endlich der historische Moment: Der ASV Schorndorf wird deutscher Mannschaftsmeister im Ringen. Für Sedat Sevsay ist der Triumph, den er am nächsten Morgen nach der großen Feier mit einem Glas Rum und dem noch ungläubigen Blick in die offizielle Ergebnisliste erst so richtig realisiert, die Erfüllung seines Traums und der Vision, die er Jahre zuvor auf eine Mindmap geschrieben hatte.
„In dem Moment wurde mir klar: Wir haben es wirklich geschafft. Und das machte mich mehr als stolz“, blickt der ASV-Vorstand und Trainer zurück.
ASV Schorndorf wird von Freiwilligen und Fans getragen
Doch der Titel sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt er. Wichtiger sei es, Strukturen zu stabilisieren. Ringen ist eine Randsportart, finanziell anfällig, abhängig von Sponsoren und Ehrenamt.
„Das Ehrenamt wird viel gelobt, aber nicht genug unterstützt. In den Vereinen leisten so wenige Menschen so viel, besonders bei uns.“
Der ASV ist ein reiner Ringerverein – 400 Mitglieder, getragen von Freiwilligen und leidenschaftlichen Fans. Sedat Sevsay kämpft weiterhin für eine verlässliche Finanzierung, für Zusammenarbeit über Vereinsgrenzen hinweg und für all jene, die den Sport und den Verein tragen – von den Senioren auf der Tribüne bis zu den Athleten auf der Matte.
Zu diesen Athleten zählt auch sein Stiefsohn Jello Krahmer, der inzwischen zu den stärksten Ringern Deutschlands gehört.
„Wir sind ein Team und Vertrauen einander blind“, sagt Sevsay über ihre Beziehung.
Der 52-jährige trainiert ihn, managt ihn und begleitet ihn seit vielen Jahren. Der schönste Moment in dieser Zeit? Jellos Olympiaqualifikation 2024: „Diesen Moment werde ich nie vergessen. Als er das entscheidende Turnier gewonnen hat und klar war, dass er nach Paris gehen würde, sind auf jeden Fall erstmal die Tränen geflossen“, so der ehemalige Ringer berührt.
Warum Sedat Sevsay nicht nur ein Mann der Visionen ist
So ist Sedat Sevsay bis heute der Mann, der beim amtierenden Deutschen Meister alles zusammenhält. Er ist der Möglichmacher, der Visionär, der Organisator, der im Zweifel auch Brötchen schmiert. Er ist einer, der zeigt, was Ehrenamt leisten kann – wenn es jemanden gibt, der bereit ist, sein Herz daran zu hängen. Ans Aufhören denkt der Sportvorstand noch nicht.
„Natürlich gibt es Momente, in denen ich denke: Ich kann nicht mehr. Aber dann gibt es Momente wie den Gewinn der Meisterschaft. Oder den Blick in die Augen derer, die den Verein lieben und mittragen, und ich merke wieder, wie sehr sich die ganze Arbeit lohnt.“
Denn Sedat Sevsay ist nicht nur der Mann, der eine Vision hatte. Er ist derjenige, der Tag für Tag dafür sorgt, dass aus dieser Vision Wirklichkeit wurde – und bleibt.


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